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Echterspfahl bei Weiberbrunn - Der Jockel

Das Forsthaus Echterspfahl, im Volksmund "Jockel" genannt, steht auf einem markanten Punkt, der Höhe 489, oberhalb von Mespelbrunn, an der alten Poststraße, der heutigen Bundesstraße 8, dort, wo der Eselsweg, von Bad Orb kommend, die Bundesstraße überschreitet und nach Miltenberg weiterführt. Vom Süden, aus dem Elsavatal, von Mespelbrunn herauf führt der Wanderweg zum Jockel.

Internetadresse: www.echterspfahl.de

Zwei Sagen künden aus alter Zeit vom Standort des Echterspfahles, schon vor der Zeit, da Kurmainz das Jagdrecht ausübte. Der Echterspfahl war oft der Treffpunkt der Jäger und Treiber zum fröhlichen Jagen. Die Errichtung einer Forstdienststelle am sagenhaft historischen Echterspfahl erschien der bayerischen Forstbehörde als notwendig und geeignet, weil hier Ingelheim-Mespelbrunner Waldbesitz und bayerischer Staatswald aneinander grenzen.
Die Sage vom Echterspfahl ist bekannt: Drei Brüder Echter, als Raubritter vom Kaiser Friedrich Barbarossa verfolgt, hatten getrennt im Spessart Zuflucht gefunden. Etwa dort, wo später das Forsthaus stand, trafen sie sich von Zeit zu Zeit; ihre Pferde banden sie an einen Pfahl, der drei eiserne Ringe trug. So bekam diese Stelle und das spätere Forsthaus den Namen Echterspfahl.
Die Spessartwanderkarte zeigt das Forsthaus Echterspfahl als Mittel- und Schnittpunkt vieler Wanderwege. Aus Aschaffenburg führt ein Wanderweg, markiert mit rotem Dreieck, über Haibach, Klingerhof, Straßbessenbach, Waldmichelbach zum Eselsweg am Steinberg, nach Überschreiten der Straße nach Weibersbrunn zum Echterspfahl. Von Laufach erreicht man auf dem Wanderweg Schlüchtern - Stadtprozelten (rotes Kreuz als Markierungszeichen) über Waldaschaff-Ost den Eselsweg (E) und damit Echterspfahl. Aus dem Raum Heigenbrücken und dem oberen Lohrtal führt der Eselsweg (E) über Ehrenmal Pollasch, über Sieben Wege und Bundesstraße 26 zum Echterspfahl. Aus dem oberen Elsavatal, von Krausenbach und Wintersbach gelangt man auf zwei Wegen nach Echterspfahl, der eine führt von Krausenbach durch das Dammbachtal nach Rohrbrunn, von hier auf dem E-Weg nach Echterspfahl; der andere führt auf dem Hauptwanderweg (roter Ring) Stadtprozelten - Aschaffenburg nach Heimbuchenthal, von hier weiter über Schloß Mespelbrunn hinauf zum Jockel.
Kein Wunder, der Echterspfahl war von jeher ein Ziel der Spessartwanderer und der Bewohner der umliegenden Spessartgemeinden, die besonders gern am Sonntag "über Land" gingen, wie man früher sagte. Hatte doch die bayerische Forstbehörde dem Förster von Echterspfahl eine Konzession erteilt, die ihm erlaubte, Wanderer und andere Gäste mit Speis' und Trank zu laben. Das Forsthaus hatte Gäste zu allen Zeiten des Jahres: Fuhrleute und Waldarbeiter meist im Winter; Wanderer aus Stadt und Land, die Unentwegten auch in der kälteren Jahreszeit, doch letztere meist in der Wanderzeit. So wurde der Jockel mit der so gastfreundlichen Förstersfamilie weithin bekannt, ein fester Begriff der Spessartwanderer. In den Sommermonaten saß man im Freien, in der Höhenluft des Spessart beim Bier oder Apfelwein mit einem kräftigen Imbiß meist hausgemachter Ware.
Wenn die Herbstnebel sich auf den Wald senkten und der Winter mit Reif und Schnee Berg und Tal verzauberte, da fanden Gäste im Forsthaus Echterspfahl eine wohlige, heimelige Raststätte zum Ausruhen und zur Stärkung.
Es war im Juli 1936. Damals fand sich ein Aufnahmeteam des Bayerischen Rundfunks im Spessart ein und wollte Aufnahmen unter dem Titel "Die Hirschbrunft im Spessart" machen. Da die Zeit verfrüht war, waren alle Bemühungen, natürliche Hirschrufe aufzunehmen, erfolglos. Um nicht unverrichteterdinge heimkehren zu müssen, griff man auf "übernatürliche Rufe" zurück. Oberförster Gregor Bernhart und sein "Rivale", Oberförster Hefter aus Bischbrunn, betätigten sich vor dem Mikrophon akustisch als röhrende Hirsche. Von ihren Hirschrufen (Trenzen, Kampfruf und so fort) war das Aufnahmeteam derart begeistert, daß auch noch ein Geweihkampf gefordert wurde. Dieser wurde mit Stöcken ausgefochten.
Zur Zeit der tatsächlichen Hirschbrunft, im Oktober des gleichen Jahres, erschallten die "Hirschrufe" aus den Lautsprechern. "Wir erkannten unsere eigenen Stimmen nicht wieder, so gelungen waren die Aufnahmen", erzählt Bernhart. "Der andächtig lauschende Laie vor dem Lautsprecher ahnte nicht, daß ihm mit den röhrenden Hirschen von Echterspfahl Hörner aufgesetzt wurden", schmunzelt der "Jockelförster".
Das Geheimnis der "röhrenden Hirsche von Echterspfahl" war nur einigen Eingeweihten bekannt. Und wenn in den folgenden Jahren durch die Unbilden der Witterung oder infolge anderer Einflüsse die Hirschbrunft im Spessart ziemlich ruhig verlief, die wißbegierigen Ausflügler aus Aschaffenburg, Offenbach, Hanau und Frankfurt abends in den Spessart fuhren, um die röhrenden Hirsche zu belauschen, da schickte der "Jockelförster" oft seine beiden Söhne Walter und Paul in den nahen Wald, und diese ließen naturgetreu, wie schon ihr Vater, die Stimme der Hirsche mit Hilfe von Muscheln oder Pappröhren erschallen. Zufrieden ob des selten gehörten Erlebnisses fuhren die Neugierigen dann wieder nach Hause.
Die "röhrenden Hirsche" waren auch einmal der Grund dafür, daß Gregor Bernhart während des "Tausendjährigen Reiches" mit der Gestapo Bekanntschaft machen mußte. Bernhart hatte nämlich in der Echterspfahler Gaststätte geäußert: "Ich glaube nicht alles, was der Rundfunk sendet!" Diese Worte kamen der Geheimen Staatspolizei, dank guten Lauschern, zu Ohren. Eines Tages kamen zwei mürrisch blickende Herren in das Wirtshaus. Sie erkundigten sich nach dem verantwortlichen Forstmann, und als sie bei Gregor Bernhart am richtigen Mann waren, wiesen sie sich als Gestapo-Beamte aus. Sie ließen wissen, daß man erfahren habe, Förster Bernhart habe Kritik am Rundfunk geübt. "Sie glauben nicht alles, was der Rundfunk sendet! Haben Sie das gesagt oder nicht?" herrschten sie den verschmitzt dreinblickenden "Jockelförster" an. "Ja, das habe ich gesagt", bekannte der und bat seine beiden Gäste in das angrenzende Wohnzimmer. Dort erzählte er den Gestapo-Leuten dann die Geschichte von den "röhrenden Hirschen" im Rundfunk. Da mußten die gestrengen Staatsdiener erkennen, daß sie einem Schalk aufgesessen waren. Nach einem zwerchfellerschütternden Lachen geboten sie aber Gregor Bernhart, die Geschichte nicht weiterzuerzählen.